Porträt Dr. Jan Kalbitzer

Kaum ein Feld wird derzeit so kontrovers verhandelt wie Neurodivergenz. Deshalb beantworte ich die Fragen, die mir dazu am häufigsten gestellt werden, hier so, wie ich es im Gespräch tun würde.

Diagnostizieren Sie bei sich im Zentrum eigentlich auch ADHS, Autismus und andere Formen von Neurodivergenz?

Ja, das tun wir bei uns im Zentrum für seelische Gesundheit. Allerdings keine Hit-and-run-Diagnostik, bei der Sie kurz vorbeikommen, einen Fragebogen ausfüllen und mit einem Betäubungsmittelrezept wieder nach Hause gehen.

Sondern ausführlich: mit Fremdanamnesen, mit der Analyse alter Zeugnisse und — vor allem bei komplexen Fällen mit komplizierter Vorgeschichte — im tagesklinischen Rahmen, in dem wir auch die biografischen Verletzungen aufarbeiten, die durch die lange unerkannte Störung entstanden sind. Also das, was viele Betroffene ihr Leben lang gehört haben: „Du müsstest dich einfach mal mehr anstrengen.“

Würden Sie sich als Experten für ADHS und Autismus bezeichnen?

Echte Expertise bedeutet für mich, dass man an einer Spezialambulanz, etwa einer Universitätsklinik, konzentriert und im Team mit diesen Störungsbildern arbeitet, an Studien beteiligt ist und im ständigen Austausch mit anderen steht, die dazu forschen.

Dem gegenüber steht eine wachsende Zahl selbsternannter Experten — häufig selbst diagnostiziert und betroffen. Diagnosen werden dann oft schnell vergeben, nicht selten aus einer Solidarisierung heraus, weil man das eigene Leiden im Gegenüber wiedererkennt. Das ist heikel: Selbst betroffen zu sein macht noch nicht zum Experten — im eigenen, unbearbeiteten Material liegen die blinden Flecken, etwa die Neigung, zu schnell zu diagnostizieren, weil man sich selbst lange als unerkannt erlebt hat.

Das heißt aber nicht, dass eigene Betroffenheit disqualifiziert — im Gegenteil. Wer sie gut aufgearbeitet hat, in Selbsterfahrung, also der eigenen therapeutischen Arbeit an sich selbst, und regelmäßig in Supervision und Intervision steht — dem Besprechen der eigenen Fälle mit erfahrenen und mit gleichrangigen Kolleginnen und Kollegen —, für den kann das eigene Erleben zur Ressource werden. Zum Risiko wird es vor allem, wenn sich jemand allein im eigenen Kämmerchen, aus dem eigenen Leid heraus, zum Experten macht.

Uns würde ich dazwischen einordnen. Wir sind keine universitäre Spezialambulanz, aber wir begleiten Menschen mit ADHS und Autismus in der Tagesklinik über einen längeren Verlauf und verstehen so über die Zeit genauer, was in ihnen vorgeht. Und wir tun das immer im Team: Grenzfälle diskutieren wir ausführlich, und gerade die Vielfalt im Team hilft, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen und dem einzelnen Patienten gerecht zu werden.

Und schließlich erkennen wir die höhere Expertise echter Spezialambulanzen ausdrücklich an: Wenn Fälle komplex sind, überweisen wir gern dorthin oder kooperieren.

„Selbstbetroffenheit als Therapeut kann eine Ressource sein — oder ein Risiko. Den Unterschied macht, ob man damit allein bleibt oder im Team.“

Und Sie selbst — sind Sie, wie viele Fachleute in dem Feld, auch betroffen?

Mir wird zurückgemeldet, dass ich selbst eine gewisse ADHS-Zacke habe — mein Kopf kann sehr sprunghaft sein, und vor allem unter Belastung werde ich dünnhäutiger, gestresster, kränkbarer. Halb im Scherz nenne ich das mein „Stress-ADHS“; als Diagnose ist das ausdrücklich nicht gemeint.

Und genau da ist mir die Abgrenzung wichtig: Ich mache daraus keinen Kompetenz-Ausweis — im Gegenteil. Gerade weil die eigene Betroffenheit blinde Flecken schafft, bin ich bei mir selbst eher vorsichtig; die Arbeit an dem, was da unbearbeitet liegt, gehört für mich zum Handwerk.

Mein Vater, Arzt und Wissenschaftler, hatte aus heutiger Sicht wohl ein ausgeprägtes ADHS. Ich bin seine Notizen durchgegangen und finde darin ziemlich eindeutige Spuren; es passt zu einem Leben, in dem er damit haderte, warum aus seinen oft brillanten Ideen selten etwas wurde — ihm fehlte die Struktur, das hat sein Umfeld manchmal zermürbt und vor allem ihn selbst.

Ihm und uns als Familie wäre eine frühe Diagnose und Behandlung ein großer Gefallen gewesen; zu seiner Zeit war das kaum möglich. Bei mir selbst sehe ich weniger die Störung als die Wunden aus den Interaktionen mit ihm — daran habe ich in meiner eigenen Selbsterfahrung viel gearbeitet. Wenn ich nicht weiterkomme und dann jemandem begegne, der ungeduldig und genervt von mir ist, verunsichert mich das bis heute; als Kind hat mich das oft den Fokus gekostet. Und ja: Es hat bestimmt auch eine genetische Komponente.

Woran erkennt man Autismus — gerade bei Erwachsenen, die lange unauffällig waren?

Wenn bei ADHS die Welt oft zu schnell und zu viel kommt, ist es beim Autismus-Spektrum eher umgekehrt: Die Welt wird zu genau, zu ungefiltert wahrgenommen. Viele autistische Menschen berichten von erhöhter sensorischer Empfindlichkeit — Geräusche, grelles Licht, Gerüche, Berührungen. Ein Großraumbüro ist dann kein Arbeitsplatz, sondern ein Dauerangriff aufs Nervensystem. Das ist keine Einbildung, es ist messbar — und anstrengend.

Im Sozialen kommt hinzu, dass implizite Regeln nicht automatisch erfasst werden. Was andere „zwischen den Zeilen“ lesen, muss bewusst analysiert werden: Ironie, Doppeldeutigkeiten, unausgesprochene Erwartungen. Mimik wird studiert, Gespräche werden vorher gedanklich durchgespielt. Das kostet enorm Energie.

Gerade bei hochfunktionalen Erwachsenen — häufig Frauen — bleibt das lange unentdeckt, weil sie früh eine hohe Anpassungsleistung entwickeln. Sie wirken empathisch, zugewandt, sozial kompetent — aber nicht primär intuitiv, sondern über bewusste Anstrengung. Eine Patientin hat es einmal so gesagt: „Ich weiß immer, wie ich reagieren muss, aber ich weiß nie, was ich eigentlich fühle.“ Solche Menschen kommen oft nicht mit „typischem“ Autismus, sondern mit Erschöpfung.

Das ist der Kern: Das Leiden entsteht meist nicht durch die andere Wahrnehmung selbst, sondern durch das ständige Gefühl, falsch zu reagieren — zu empfindlich, zu direkt, zu wenig intuitiv — und durch den Versuch, sich an eine Normalität anzupassen, die es so gar nicht gibt. In der Behandlung geht es mir deshalb nicht um „Normalisierung“, sondern um Differenzierung: Wo ist Anpassung wirklich nötig, und wo ist sie nur aus Angst vor Ablehnung perfektioniert? Wenn die Maskierung nachlässt, nimmt die soziale Kompetenz meist nicht ab — die Präsenz nimmt zu.

Denn dieselbe Struktur trägt große Stärken: detailgenaue Wahrnehmung, systematisches Denken, Ausdauer in Spezialinteressen, eine oft bemerkenswerte Ehrlichkeit und ein starkes Gefühl für Fairness und Konsistenz. Die Frage ist selten, ob diese Wahrnehmung „normal“ ist — sondern ob es Räume gibt, in denen sie sein darf.

Und wenn Sie einen Schritt zurücktreten — was halten Sie eigentlich vom Begriff der Neurodivergenz?

Der Begriff wirkt auf den ersten Blick fortschrittlich: Er will nicht pathologisieren, sondern anerkennen — manche Menschen funktionieren anders, und dieses Anderssein ist keine Krankheit, sondern eine Variation. Das ist mir sympathisch. Und ich habe ausdrücklich nichts gegen Diagnosen: Sie sind notwendig, sie schützen vor Willkür und öffnen den Zugang zu Unterstützung. Gegen Vielfalt schon gar nicht.

Aber im Wort steckt eine Voraussetzung, die mich stört — beruflich wie privat: „Divergenz“ setzt eine Norm voraus. Wer divergiert, weicht ab, von einem Bezugspunkt. Und ich frage mich: Was genau soll diese Norm sein? Der Wissenschaftsphilosoph Ian Hacking hat beschrieben, wie im 19. Jahrhundert aus einem statistischen Modell, der Glockenkurve, eine Norm wurde: Die Mitte galt plötzlich nicht nur als häufig, sondern als normal — und normal wurde stillschweigend zu gesund, richtig, wünschenswert. Dieser „Durchschnittsmensch“ ist aber eine Abstraktion, die in Wirklichkeit niemand ist.

Bei Blutdruck kann so ein Normbereich sinnvoll sein — aber selbst der ist in Bewegung. Eine große Analyse von fast 800.000 Menschen aus der UK Biobank und dem US-Programm All of Us (Toyli et al., Journal of the American Heart Association, 2026) fand, dass unter allen untersuchten Herz-Kreislauf-Faktoren ausgerechnet niedriger Blutdruck am stärksten mit Alzheimer zusammenhängt — deutlicher als Bluthochdruck oder ein Schlaganfall. Also genau der Blutdruck, den wir bisher, solange er keine Beschwerden macht, als gesund fürs Herz-Kreislauf-System angesehen haben.

Die Daten stammen von einem einzelnen Zeitpunkt; sie belegen keine Ursache, nur einen Zusammenhang. Aber womöglich verschieben sich damit bald auch die Untergrenzen — und der Korridor eines wirklich unbedenklichen Blutdrucks wird noch schmaler.

Bei seelischen Eigenschaften wird es dann erst recht heikel: Was ist ein „normales“ Maß an Sensibilität, an Impulsivität, an Fantasie, an moralischer Empörung? Dieselbe Eigenschaft ist mal Störung, mal Stärke — je nach Kontext und Zeit.

Der Impulsive, der in der Schule stört, ist anderswo der tatkräftige Gründer; wer stark auf Ungerechtigkeit reagiert, gilt hier als „zu viel“ und dort als Zivilcourage. Eigenschaften sind nicht statisch gut oder schlecht, sie sind Antworten auf eine Welt.

Deshalb spreche ich lieber von Verteilung als von Divergenz: verschiedene Positionen in einem Spektrum, ohne die Mitte zum Maßstab zu machen. Das leugnet keine Funktionsbeeinträchtigung und kein echtes Leiden, das Behandlung braucht — der springende Punkt ist der Schritt von der Beschreibung zur Bewertung. Die entscheidende Frage ist für mich deshalb nicht: Bin ich anders? Sondern: Wie muss ich mit der Welt umgehen, damit sie mich etwas angeht, ohne dass ich in Überforderung gerate? Das entfalte ich ausführlich in meinem Buch über die unbequemen Gefühle.

„Die Frage ist nicht: Bin ich anders? Sondern: Wie muss ich mit der Welt umgehen, damit sie mich etwas angeht, ohne in Überforderung zu geraten?“

Mehr zum Thema Stimulanzien im Beitrag „Schützt Methylphenidat sogar vor Psychosen?“. — Zur Person: Dr. Jan Kalbitzer ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Gründer und Geschäftsführer des Zentrums für seelische Gesundheit Braunschweig. Mehr zu seiner Arbeit und seinen Texten auf kalbitzer.org; zuletzt erschien „Unbequeme Gefühle“ (DK deep, 2026).