Vom größten Psychiatrie-Kongress Europas nehme ich vor allem eines mit: Bei den großen Hoffnungsträgern, die gerade en vogue sind, lohnt der nüchterne Blick darauf, was in der täglichen Behandlung wirklich trägt. Fünf Punkte, kurz gefragt.

Esketamin bei Depression — Durchbruch oder Wildwuchs?

Esketamin, das Nasenspray bei therapieresistenter Depression, spielt eine immer größere Rolle. Im Alltag bleibt die Anwendung aber komplex — Aufklärung, Überwachung, wiederholte Gaben. Wo Nachfrage auf diese Komplexität trifft, entsteht schnell Wildwuchs, der nicht immer dieselben Qualitätsstandards gewährleisten kann.

Wie weit ist Psilocybin?

Psilocybin bleibt einer der großen Hoffnungsträger. Viele Studien sind aber noch klein; erst mit der Zeit wird sich zeigen, was sich in großen, reproduzierbaren Studien durchsetzt. Bis dahin ist Zurückhaltung geboten — und von Selbstbehandlung eher abzuraten.

Was ist neu in der ADHS-Behandlung?

Bei ADHS weitet sich der Blick weiter vom kognitiven aufs emotionale Chaos. Gerade hochintelligente, gut strukturierte Menschen fallen durch Kompensation und Hyperfokus nicht als klassische ADHS auf — bei ihnen lohnt der genauere Blick darauf, wie sie Gefühle verarbeiten. Gerade hier entstehen oft erhebliche psychische Belastungen, die im Verlauf weitere Beschwerden wie Depressionen und Angststörungen nach sich ziehen. Und was ärztlicherseits leider auch immer noch oft zu kurz kommt, je häufiger Stimulanzien verordnet werden: die Herzgesundheit im Blick behalten, dort gibt es relevante Nebenwirkungen.

Warum Immunopsychiatrie gerade jetzt zählt

Das Zusammenspiel von Immunsystem und Psyche gewinnt an Bedeutung — und mit der beginnenden Erkältungssaison wird es praktisch. Wer kleine Kinder in Kita oder Grundschule hat, ist manchmal nicht nur wegen der Dauerinfekte erschöpft, sondern auch wegen infektassoziierter organischer psychischer Symptome. Das mitzudenken, verändert manchmal die ursprüngliche Einordnung „einfach nur müde und gereizt".

Was bringen Apps auf Rezept und KI?

Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) werden stark gepusht — als niedrige erste Schwelle vor oder neben der Therapie. Den größeren Nutzen von KI und Software sehe ich aber woanders: darin, uns Ärztinnen und Therapeuten den Rücken so freizuhalten, dass wir schneller, mehr und direkter bei den Patienten sind.