Ein Gegenüber, das nie widerspricht

Es beginnt harmlos: Man lässt sich von einer KI eine Nachricht glätten, einen Text ordnen, ein Argument zuspitzen. Was dabei auffällt, ist weniger, was sie kann, als wie sie mit uns umgeht — unermüdlich freundlich, ermutigend, ganz auf uns konzentriert. Ein Gegenüber, das nie genervt ist, nie widerspricht, nie eigene Bedürfnisse hat.

Wenn die eigenen Gefühle als Defizit erscheinen

Das ist bequem. Aber es setzt einen Maßstab, an dem wir uns unbemerkt messen: einen Idealtyp aus Rationalität und Reibungslosigkeit, der zu Menschen nicht passt. In meiner Praxis sehe ich, wie daraus ein stiller Verdacht wird — die eigenen Gefühle, die Sprunghaftigkeit, die Ambivalenz seien ein Mangel. Dabei ist die Fähigkeit, Widersprüchliches auszuhalten, keine Schwäche, sondern eine Grundbedingung seelischer Stabilität.

Das reicht weit über den einzelnen Chat hinaus. Wo Reibungslosigkeit zur Norm wird, gerät jede Unschärfe unter Verdacht: Traurigkeit wird schnell zur Depression, Grübeln zur Angststörung, Unruhe zur ADHS. Nicht jede dieser Zuschreibungen ist falsch — im Gegenteil, manche erspart viel Leid. Aber der Reflex, jedes Unwohlsein sofort zu benennen und wegregulieren zu wollen, verkennt, dass nicht jeder Zustand ein Problem ist, das gelöst werden muss.

Was der Mensch der Maschine voraushat

Eine KI muss immer zuordnen und eine Lösung ausgeben, auch dort, wo keine Eindeutigkeit möglich ist. Der Mensch kann im Ungeklärten bleiben. In der Psychologie nennen wir die Fähigkeit, Gefühle zu halten, ohne sie sofort zu bewerten oder wegzumachen, Containment. Aus ihr entsteht etwas, das der Maschine fehlt: eine Richtung. Sie ergibt sich nicht aus Berechnung, sondern aus dem Zusammenspiel von Fühlen, Erfahrung und Werten — aus der Frage, wozu man etwas tut, nicht nur, wie effizient.

Gefühle sind, um im Bild zu bleiben, der Wind, der uns überhaupt erst in Bewegung bringt. Dasselbe Thema — was wir verlieren, wenn Gefühle als Defekt gelten — steht im Mittelpunkt des Buchs „Unbequeme Gefühle".