ADHS oder beginnende Psychose?
Wenn ein junger Mensch mit Konzentrationsschwierigkeiten in die Sprechstunde kommt, ist die Grenze zwischen einer ADHS und dem Frühstadium — dem Prodrom — einer Psychose nicht immer scharf zu ziehen. Beides kann sich zunächst ähneln: Reizoffenheit, Zerstreutheit, das Gefühl, dem eigenen Kopf nicht mehr zu folgen. Und lange gab es die Sorge, einem Menschen, bei dem sich in Wahrheit eine Psychose anbahnt, mit einem dopaminerg wirkenden Stimulans wie Methylphenidat — bekannt unter Markennamen wie Ritalin, Medikinet oder Concerta — die Entwicklung womöglich zu beschleunigen.
Was die Studie zeigt
Eine große Untersuchung der Universität Edinburgh, im Deutschen Ärzteblatt besprochen und in JAMA Psychiatry erschienen, hat diese Sorge nun geprüft — an Daten von fast 700.000 Menschen, mit einem Verfahren, der Instrumentvariablenschätzung, das sich einem kausalen Zusammenhang besser annähert als eine bloße Korrelation. Das Ergebnis: kein erhöhtes Psychoserisiko durch Methylphenidat. Im Gegenteil — Kinder, die früh behandelt wurden, vor dem 13. Lebensjahr, erkrankten später sogar seltener an einer Schizophrenie.
Das ist eine Assoziation, kein Beweis; auch ein solches Verfahren nähert sich der Kausalität nur an. Bemerkenswert ist der Befund trotzdem, weil er der naheliegenden Logik widerspricht. Mehr Dopamin, so die alte Faustregel, bedeutet mehr Nähe zur Psychose — und Methylphenidat wirkt dopaminerg.
Könnte frühe Behandlung sogar schützen?
Mich interessiert daran vor allem eine Frage: Könnte Methylphenidat das Psychoserisiko nicht nur nicht erhöhen, sondern es senken — gerade weil es früh hilft? Junge Menschen mit ADHS sind von Reizen und Informationen aus ihrer Umwelt oft überflutet. Ermöglicht ihnen ein Medikament früh, in diesem Zuviel Klarheit und Struktur zu finden, nimmt das womöglich einen chronischen Stress heraus, der selbst ein Stück des Weges in eine Psychose sein kann.
Der auffälligste Teil des Befundes — dass gerade die früh behandelten Kinder seltener erkrankten — deutet genau in diese Richtung. Bewiesen ist dieser Mechanismus damit nicht; aber die Studie zeigt erstmals dorthin. Sie sollte der Anfang sein, ihn gezielt zu untersuchen.