Psilocybin bei Alzheimer: der Fall aus Brasilien

Vor Kurzem ging eine Fallstudie durch die Presse, die von einem scheinbaren medizinischen Wunder erzählt — die vielen Menschen Hoffnung gemacht hat.

Eine achtzigjährige Frau, seit vielen Jahren an Alzheimer erkrankt, spricht nur noch einsilbig, ist inkontinent und muss beim Gehen gestützt werden. Mit Einwilligung ihres gesetzlichen Betreuers erhält sie fünf Gramm psilocybinhaltige Pilze. Der Körper reagiert zunächst heftig: Die Temperatur steigt, sie schwitzt stark, dann fällt sie in einen tiefen, schlafähnlichen Zustand. Neunzehn Stunden später beginnt sie zu sprechen, in ganzen Sätzen. Sie erkennt ihre Angehörigen und nennt sie beim Namen. Sie wird wieder kontinent, kann gehen und sich allein anziehen. Nach einer zweiten, kleineren Dosis kehrt sogar ihr Humor zurück.

Der verständliche Wunsch — und die Versuchung

Man muss sich klarmachen, was Demenz für Familien bedeutet, um zu verstehen, warum eine solche Meldung einschlägt. In einer alternden Gesellschaft kennen viele das aus ihrem persönlichen Umfeld: Ein Mensch, der einem nahe ist, verschwindet als Person nach und nach und wird zugleich, oft ohne es selbst zu bemerken und einzusehen, immer pflegebedürftiger. Das Misstrauen, das manche demente Menschen entwickeln, kann Familien zermürben; die Fehler, die sie machen und selbst nicht mehr wahrnehmen, werden zur realen Gefahr für Leib und Leben, für sie und für andere. Gute Behandlungen gibt es kaum, und die Interventionen, die möglich sind, kommen meist zu spät.

Es ist deshalb verständlich, wenn manchem, der von der Studie hört, ein Gedanke kommt, den eigenen dementen Angehörigen doch einmal eine schöne Pilzpfanne zuzubereiten. Mit ein paar Magic Mushrooms darin. Das ist zwar illegal, und heimlich verabreicht wäre es nicht nur ethisch heikel, sondern eine Körperverletzung. Aber gemessen an dem, was zu gewinnen wäre, wiegt das im Zweifel doch wenig — so das Kalkül.

Warum von der Selbstverabreichung abzuraten ist

So verführerisch der Gedanke ist — aus medizinischer Sicht muss man abraten, und zwar aus zwei Gründen.

Psilocybin kann intensive körperliche Reaktionen hervorrufen. Der Fallbericht selbst beschreibt eine heftige vegetative Reaktion mit Temperaturanstieg und starkem Schwitzen. Je nach Verfassung kann daraus in einem alten Körper ein Folgeschaden entstehen, der zur Demenz eine weitere Pflegebedürftigkeit hinzufügt. Ein Schlaganfall etwa oder Herzrhythmusstörungen.

Der zweite Grund ist gerade auch in Deutschland zu bedenken. Viele alte Menschen tragen unbearbeitete Traumata aus Krieg und Nachkriegszeit in sich. Niemand kann vorhersagen, welche Erinnerungen unter einem psychedelischen Trip zurückkehren. Ein dementer Mensch hat die Kontrolle über seine Wahrnehmung der Wirklichkeit ohnehin schon verloren. Wird er unter Psychedelika von einem Trauma eingeholt, ohne das einordnen oder therapeutisch bearbeiten zu können, ist das für die Psyche eine Katastrophe.

Was bleibt

So hoffnungsvoll die Beobachtung aus Brasilien stimmen mag — sie beschreibt einen einzigen Fall, ohne Kontrollgruppe, und die Autoren selbst sprechen ausdrücklich von einer Hypothese, nicht von einer Behandlung. Was sie vor allem auslösen sollte, ist rasch intensive Forschung: weitere, kontrollierte Studien, die den Effekt auf ein belastbares Fundament stellen und Nebenwirkungen dokumentieren und einordnen. Bis dahin gilt: Wer jetzt, ein wenig enttäuscht, die schon besorgten Pilze zum Dealer zurückbringt, hatte einen guten Impuls. Zuwendung erreicht demente Menschen oft gerade auf der einfachsten Ebene. Eine schöne Mahlzeit, die an schöne Momente aus der Kindheit erinnert, ist dafür — ganz ohne magische Zutaten — gar keine so schlechte Idee.