Porträt Dr. Eva Krieger

Bewegung, Emotion und Erkenntnis kommen beim therapeutischen Klettern zusammen. Dr. Eva Krieger, Psychotherapeutin und Klettertherapeutin am Zentrum für seelische Gesundheit, über das, was an der Wand sichtbar wird — und wie es sich auf den Alltag übertragen lässt.

Sie sind Psychotherapeutin und Klettertherapeutin. Wie sind Sie dazu gekommen, beide Bereiche miteinander zu verbinden — und was hat Sie an der Klettertherapie von Anfang an fasziniert?

Als ich in den letzten Zügen meines Psychologiestudiums war und gerade an meiner Diplomarbeit in Hamburg gearbeitet habe, bin ich zum ersten Mal mit dem Klettersport in Berührung gekommen. Eine Kollegin aus der Schweiz nahm mich damals mit in eine Boulderhalle — zu einer Zeit, als Bouldern noch ein echter Nischensport war. Ich war vom ersten Moment an begeistert. Ich hatte zuvor noch nie einen Sport erlebt, der mich so in seinen Bann gezogen hat.

Seitdem spielt das Klettern eine wichtige Rolle in meinem Leben. Zunächst war ich regelmäßig bouldern, später kamen das Seilklettern, Klettersteige und das Klettern am Fels hinzu.

Erst viele Jahre später habe ich eher zufällig erfahren, dass Klettern auch therapeutisch eingesetzt werden kann. Das hat mich sofort fasziniert, weil sich plötzlich zwei Bereiche miteinander verbinden ließen, die mich schon lange begleiten: die Psychotherapie und das Klettern. Ich besuchte zunächst einen Workshop zum therapeutischen Bouldern. Damals fehlte mir allerdings noch die Möglichkeit, das Gelernte in meinen beruflichen Alltag zu integrieren. Erst mit der Gründung unseres Zentrums für seelische Gesundheit konnte ich diese Idee schließlich in die Praxis umsetzen und therapeutisches Klettern anbieten. Seither ist es ein fester Bestandteil unseres Therapieprogramms.

Viele Menschen können sich unter therapeutischem Klettern zunächst wenig vorstellen. Was passiert in einer therapeutischen Klettersitzung — und was unterscheidet sie von einem normalen Besuch in der Kletterhalle?

Zunächst einmal ist mir wichtig zu sagen, dass Klettern für mich immer viel mehr ist als eine reine Sportart. Natürlich fordert es den Körper: Kraft, Koordination und Ausdauer spielen eine wichtige Rolle. Gleichzeitig kommen wir beim Klettern aber auch sehr intensiv mit unseren eigenen Emotionen in Kontakt. Wir erleben Unsicherheit, Mut, Vertrauen, Frustration, Stolz oder auch Angst — oft innerhalb weniger Minuten. Gerade das macht Klettern aus psychotherapeutischer Sicht so spannend.

Eine therapeutische Klettersitzung folgt meist einem klaren Ablauf. Gemeinsam überlegen wir zunächst, welches Thema oder welche Fragestellung die Patientin oder der Patient mit in die Einheit nehmen möchte. Anschließend wird geklettert — und danach reflektieren wir gemeinsam das Erlebte. Welche Gedanken sind aufgetaucht? Welche Gefühle waren spürbar? Was hat geholfen, schwierige Situationen zu bewältigen? Und welche Erkenntnisse lassen sich auf den Alltag übertragen?

Im Grunde besteht eine Klettertherapie also aus drei Schritten: vorbesprechen, klettern und reflektieren. Genau dieser bewusste Transfer unterscheidet die Klettertherapie von einem normalen Besuch in der Kletterhalle. Dort steht meist der Sport im Vordergrund — in der Therapie wird das Klettern zum Erfahrungsraum, in dem psychische Prozesse sichtbar und bearbeitbar werden.

Sie erleben Patientinnen und Patienten beim Klettern oft in ganz anderen Situationen als im Therapieraum. Welche Erkenntnisse gewinnen Menschen dabei häufig über sich selbst — gibt es typische Aha-Momente?

Das Besondere am therapeutischen Klettern ist, dass viele psychische Themen unmittelbar erfahrbar werden. Die Herausforderungen, denen wir im Alltag begegnen, begegnen uns auch an der Kletterwand — oft sehr direkt und verbunden mit intensiven körperlichen Erfahrungen.

Im Therapieraum sprechen wir über Gedanken, Gefühle und Verhaltensmuster. Ich arbeite dort gerne emotionsfokussiert, damit Veränderungen nicht nur auf der kognitiven Ebene stattfinden. Beim therapeutischen Klettern werden diese Prozesse jedoch noch einmal auf eine ganz andere Weise erlebbar. Dadurch entstehen häufig echte Aha-Momente.

Da wir im Zentrum für seelische Gesundheit mit einem schematherapeutischen Schwerpunkt arbeiten, beobachten wir beim Klettern oft innere Schemata — beispielsweise besonders fordernde oder selbstkritische Anteile. Patientinnen und Patienten erleben dann sehr konkret, wie sie mit sich selbst umgehen, wie sie auf Unsicherheit reagieren oder welche Überzeugungen sie über sich selbst haben.

Ein zentrales Thema ist häufig der Umgang mit Angst, klassischerweise der Angst vor der Höhe oder vor einem Kontrollverlust. Wenn Menschen erleben, dass diese Angst zwar da sein darf, sie aber gleichzeitig Strategien entwickeln können, um mit ihr umzugehen und trotzdem weiterzuklettern, entsteht oft eine sehr stärkende Erfahrung. Diese lässt sich gut auf andere Lebensbereiche übertragen.

Ein Bild, das ich besonders gerne nutze, ist das des „Sich-ins-Seil-Setzens“. Wenn wir beim Klettern nicht weiterwissen oder uns überfordert fühlen, können wir uns ins Seil setzen, kurz innehalten, Abstand gewinnen und die Route neu betrachten. Oft erkennen wir dann plötzlich den nächsten Schritt. Genau das kann auch im Leben hilfreich sein.

„Nicht jede Lösung entsteht durch noch mehr Anstrengung — manchmal braucht es erst einen Moment des Abstandnehmens.“

Gab es einen Moment beim therapeutischen Klettern, der Sie besonders berührt hat?

Ich habe eine Zeit lang mit einer Patientin gearbeitet, die an einer bislang unbehandelten posttraumatischen Belastungsstörung litt. Sie hatte große Angst vor der traumafokussierten Arbeit und konnte sich zunächst nur schwer darauf einlassen. Auch beim therapeutischen Klettern zeigte sich diese Angst deutlich. Vertrauen fiel ihr schwer, ebenso wie die Fähigkeit, Angst zuzulassen, ohne sofort in Vermeidung oder Flucht zu gehen.

Ich erinnere mich besonders an eine Situation in der Kletterhalle: Die Patientin saß mehrere Meter über dem Boden im Seil, die Angst war deutlich spürbar, und sie sagte, sie wolle am liebsten sofort wieder hinunter.

Ich habe sie in diesem Moment gefragt, ob es möglich wäre, noch einen Augenblick in der Situation zu bleiben, sich an ihre erlernten Strategien zu erinnern — zum Beispiel an Atemtechniken — und zu beobachten, ob sich die Angst möglicherweise verändert.

Sie hat mir vertraut und ist in der Situation geblieben. Und tatsächlich konnte sie erleben, dass die Angst mit der Zeit nachließ und sich deutlich veränderte.

Im Anschluss sagte sie einen Satz, der mich sehr berührt hat: Diese Erfahrung, dass Angst auch wieder abklingen kann, helfe ihr nun auch dabei, weniger Angst vor der Traumatherapie zu haben. Jetzt wisse sie, dass sie das schaffen könne.

Im weiteren Verlauf konnten wir die traumatherapeutische Arbeit erfolgreich durchführen. Besonders schön war für mich zu sehen, dass die Patientin im Laufe der Zeit selbst zu einer begeisterten Kletterin geworden ist.

Was begeistert Sie nach all den Jahren immer noch am therapeutischen Klettern?

Mich begeistern vor allem diese unmittelbaren Aha-Erlebnisse an der Kletterwand — und ebenso die Begeisterung der Patientinnen und Patienten. In etwa 90 Prozent der Fälle höre ich am Ende einer Einheit, dass es gut war, heute geklettert zu sein, dass es Spaß gemacht hat und als sehr bereichernd erlebt wurde.

Das Klettern wirkt oft aktivierend und lebendig. Es entsteht ein unmittelbares Gefühl von Selbstwirksamkeit: Ich kann etwas bewirken, ich komme weiter, ich finde Lösungen — und ich erlebe mich dabei ganz konkret in meinem Handeln. Genau diese Verbindung aus emotionalem Erleben, körperlicher Erfahrung und psychischer Erkenntnis macht für mich die besondere Qualität des therapeutischen Kletterns aus.

„Ich kann etwas bewirken, ich komme weiter, ich finde Lösungen — und ich erlebe mich dabei ganz konkret in meinem Handeln.“

Was würden Sie Menschen sagen, die neugierig auf therapeutisches Klettern sind, sich aber noch nicht so richtig vorstellen können?

Mit dem Klettern kann im Grunde jeder beginnen — es braucht keine besonderen Vorkenntnisse oder Voraussetzungen. Das Schöne ist, dass es sehr gut dosierbar ist und sich dadurch für viele unterschiedliche Menschen eignet.

Es gibt zum Beispiel auch inklusive Klettergruppen, in denen Menschen mit neurologischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose oder Parkinson oder Menschen mit körperlichen Einschränkungen gemeinsam klettern. Das zeigt, wie niedrigschwellig der Einstieg sein kann. Gleichzeitig ist nach oben hin kaum eine Grenze gesetzt — Klettern kann sehr individuell angepasst und weiterentwickelt werden.

Ich würde Menschen deshalb sagen: Probieren Sie es einfach aus. Kommen Sie dazu und machen Sie eigene Erfahrungen. Schon eine einzelne Sitzung therapeutisches Klettern kann sehr wertvoll sein — auch dann, wenn daraus keine langfristige Kletterpraxis entsteht. Entscheidend ist die Erfahrung im Moment: sich zu trauen, etwas auszuprobieren und dabei neue Seiten an sich selbst zu entdecken.

Zur Person: Dr. Eva Krieger ist Psychologische Psychotherapeutin und Klettertherapeutin, Mitgründerin und therapeutische Gesamtleitung des Zentrums für seelische Gesundheit Braunschweig. Therapeutisches Klettern ist fester Bestandteil unseres tagesklinischen Therapieprogramms.