Porträt Dr. Umut Altunöz

Dr. Umut Altunöz ist ab Oktober 2026 als stellvertretender Chefarzt bei uns tätig. Er ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und war zuletzt Oberarzt am KRH Psychiatrie Wunstorf.

Herr Dr. Altunöz, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Psychiatrie und Psychotherapie — was fasziniert Sie bis heute an diesem Fach?

Dass es fachlich sehr komplex und zugleich zutiefst menschlich ist. Wir brauchen diagnostische Kategorien, um Symptome zu erkennen, einzuordnen und eine Behandlung zu planen. Aber kein Mensch lässt sich auf eine Diagnose reduzieren. Hinter ähnlichen Symptomen können ganz unterschiedliche Geschichten, Erfahrungen und Bedürfnisse stehen.

Ich habe mich schon immer dafür interessiert, warum Menschen so fühlen und handeln, wie sie es tun. Um das zu verstehen, muss man genau zuhören und verschiedene Perspektiven zusammenbringen: die persönliche Lebensgeschichte ebenso wie psychologische, neurobiologische und kulturelle Einflüsse.

Und dabei steht die Beziehung im Mittelpunkt. Das gilt nicht nur für die Psychiatrie — es gibt wohl kaum ein medizinisches Fach, das nicht mit psychischen Belastungen und menschlichem Erleben in Berührung kommt. Eine vertrauensvolle Beziehung ist oft der Schlüssel, um überhaupt zu verstehen, was ein Mensch braucht.

Sie wechseln im Oktober nach Braunschweig. Was hat Sie am Zentrum für seelische Gesundheit besonders gereizt?

Für mich ist die Qualität psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung eng mit den Versorgungsstrukturen und dem therapeutischen Setting verbunden. Eine Behandlung kann nur dann bedarfsgerecht sein, wenn der Rahmen Raum für individuelle Wege lässt, die verschiedenen fachlichen Perspektiven zusammenführt und eine verlässliche therapeutische Beziehung ermöglicht.

Besonders gereizt hat mich die Verbindung aus klaren Strukturen und einer flexiblen Haltung. Sie eröffnet Gestaltungsspielräume, um auf unterschiedliche Bedürfnisse einzugehen und die Versorgung gemeinsam weiterzuentwickeln. Ich hatte früh das Gefühl, hier fachlich und menschlich ankommen zu können.

Einer Ihrer Schwerpunkte sind psychische Erkrankungen bei jungen Erwachsenen. Was braucht diese Altersgruppe in der Versorgung besonders?

Das junge Erwachsenenalter ist eine intensive Entwicklungsphase. Junge Menschen suchen ihren Platz in der Gesellschaft, entwickeln ihre Identität, gestalten Freundschaften und Partnerschaften. Sie lösen sich auf ihre eigene Weise von der Herkunftsfamilie, probieren Dinge aus und suchen nach einer beruflichen Perspektive. Gleichzeitig können frühere Erfahrungen und ungelöste Konflikte wieder an Bedeutung gewinnen; auch Drogen und Alkohol können zum Thema werden. Wenn sich unter diesen Bedingungen eine psychische Erkrankung entwickelt, wird es umso schwieriger, die anstehenden Entwicklungsaufgaben zu bewältigen.

Der Großteil aller psychischen Erkrankungen beginnt vor dem 25. Lebensjahr. Deshalb braucht es Erfahrung und einen aufmerksamen Blick, um frühe Warnzeichen zu erkennen und einzuordnen — und die Symptome im Zusammenhang mit der jeweiligen Lebenssituation zu verstehen.

Die psychiatrischen Versorgungsstrukturen in Deutschland sind auf diese Übergangsphase häufig noch nicht ausreichend zugeschnitten. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie bietet viel Begleitung bei Entwicklungsfragen; die Erwachsenenpsychiatrie setzt oft bereits ein hohes Maß an Selbstständigkeit voraus. Junge Erwachsene brauchen jedoch beides: Raum, Verantwortung zu übernehmen, und eine verlässliche Begleitung, während sie ihren eigenen Weg finden.

Dabei halte ich auch die Art des therapeutischen Zugangs für entscheidend. Viele junge Erwachsene erreicht man über emotionale und zwischenmenschliche Erfahrungen besser als allein über das Gespräch. In Gruppen, durch gemeinsame Aktivitäten und im unmittelbaren Erleben von Beziehungen können Themen spürbar und bearbeitbar werden, für die zunächst noch die Worte fehlen.

„Junge Erwachsene brauchen beides: Raum, Verantwortung zu übernehmen, und eine verlässliche Begleitung, während sie ihren eigenen Weg finden.“

Sie beschäftigen sich intensiv mit Neuroentwicklungsstörungen und insbesondere Autismus im Erwachsenenalter. Warum werden solche Diagnosen teilweise erst sehr spät gestellt — und was verändert sich, wenn sie schließlich richtig eingeordnet werden?

Autismus und andere neuroentwicklungsbedingte Besonderheiten prägen die Art, wie ein Mensch wahrnimmt, kommuniziert und mit seiner Umwelt in Beziehung tritt. Wenn in der psychiatrischen Versorgung wenig Erfahrung damit besteht, können Schwierigkeiten im Alltag zunächst anders eingeordnet werden — etwa als Ausdruck einer Persönlichkeitsstörung, einer Zwangsstörung oder in manchen Fällen auch einer psychotischen Erkrankung. Gleichzeitig können solche Erkrankungen zusätzlich vorliegen. Entscheidend ist deshalb eine sorgfältige Diagnostik, die auch die Entwicklung seit der Kindheit und die gesamte Lebensgeschichte berücksichtigt.

Eine passende Diagnose kann sehr entlastend sein. Erfahrungen, die zuvor widersprüchlich oder schwer erklärbar wirkten, ergeben plötzlich mehr Sinn. Manche Menschen verstehen zum ersten Mal, weshalb bestimmte Situationen sie so viel Kraft kosten oder weshalb bisherige Behandlungen nicht richtig zu ihnen gepasst haben. Das kann den Blick auf die eigene Biografie verändern und mehr Selbstakzeptanz ermöglichen.

Mit der diagnostischen Einordnung beginnt für mich ein weiterer wichtiger Teil der Arbeit: gemeinsam zu verstehen, welche Bedeutung diese Besonderheiten für den Alltag und für die Behandlung haben. Auch wenn weitere psychische Erkrankungen vorliegen, sollten therapeutische Ansätze an die Wahrnehmung, die Belastbarkeit und die Bedürfnisse der jeweiligen Person angepasst werden. Eine neurodiversitätsbejahende Therapie unterstützt Menschen dabei, ihre eigene Art zu erleben und zu verarbeiten besser zu verstehen und anzunehmen. Darauf aufbauend lassen sich zusätzliche Belastungen gezielt angehen und Lebensbedingungen gestalten, unter denen jemand seine Fähigkeiten entfalten kann.

Auch die transkulturelle Psychiatrie hat Sie lange beschäftigt. Welche Rolle spielen Herkunft, Sprache und kulturelle Prägung — und wo sollten wir als Behandelnde besonders aufmerksam sein?

Kulturelle Prägung bildet einen wichtigen Bezugsrahmen dafür, wie Menschen Erfahrungen einordnen, Belastungen ausdrücken und Hilfe suchen. Sie kann beeinflussen, ob seelisches Leid eher in Worten, über körperliche Beschwerden oder im Verhalten sichtbar wird — und welche Erklärungen jemand selbst dafür findet. Sprache ist dabei weit mehr als ein Mittel zur Verständigung: In ihr liegen persönliche Bedeutungen, biografische Erfahrungen und oft auch Gefühle, die sich nicht ohne Weiteres übersetzen lassen.

Ebenso wichtig ist es, die Grenzen kultureller Erklärungen zu erkennen. Wenn wir Beschwerden oder Verhaltensweisen vorschnell mit der Herkunft eines Menschen erklären, übersehen wir möglicherweise seine individuelle Lebensgeschichte, soziale Belastungen oder eine behandlungsbedürftige Erkrankung. Auch Menschen mit ähnlichem kulturellem Hintergrund können ihre Zugehörigkeit sehr unterschiedlich erleben.

Zu einer guten transkulturellen Behandlung gehört für mich deshalb auch Selbstreflexion aufseiten der Behandelnden. Wir bringen unsere eigene kulturelle Prägung, unsere Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit und unsere Erwartungen an eine Behandlung mit in die Begegnung. Sich dieser Perspektive bewusst zu sein und sie immer wieder zu hinterfragen, hilft, vorschnelle Deutungen zu vermeiden. Entscheidend ist, mit fachlicher Sorgfalt, Neugier und Respekt zu erkunden, welche Bedeutung ein Mensch selbst seiner Herkunft, seiner Sprache und seinen Erfahrungen gibt.

„Wenn wir Beschwerden vorschnell mit der Herkunft eines Menschen erklären, übersehen wir möglicherweise seine individuelle Lebensgeschichte.“

Jede und jeder bringt bei uns eigene Schwerpunkte und Ideen mit ins Zentrum. Was möchten Sie besonders gern einbringen und weiterentwickeln?

Ich würde sehr gern eine interaktionelle Therapiegruppe mit tiefenpsychologischen und systemischen Elementen einbringen. Im Mittelpunkt stehen die Begegnung im Hier und Jetzt, die Wahrnehmung eigener Beziehungsmuster und die Möglichkeit, neue Erfahrungen im Kontakt mit anderen zu machen. Akzeptanz und Improvisation sind dabei für mich wichtige therapeutische Haltungen: Eine Gruppe bietet einen geschützten Rahmen, in dem Menschen sich zeigen, unterschiedliche Perspektiven kennenlernen und gemeinsam neue Wege erproben können.

Darüber hinaus möchte ich meine Erfahrung in Diagnostik und Therapie sowohl in der Ambulanz als auch in der Tagesklinik einbringen. Besonders am Herzen liegen mir die Versorgung junger Erwachsener und die präventive Psychiatrie — also psychische Belastungen frühzeitig zu erkennen und zu begleiten, bevor sie sich verfestigen.

Gleichzeitig komme ich mit großer Neugier. Ich habe bereits erlebt, wie viel fachliche Erfahrung und Gestaltungsfreude im Team vorhanden sind. Daran möchte ich anknüpfen: voneinander lernen, Ideen gemeinsam prüfen und Angebote entwickeln, die zu den Menschen passen, die sich uns anvertrauen. Welche Richtung sich daraus ergibt, darf auch in der Begegnung wachsen. Ein Gedanke, der mich dabei begleitet, wird Rumi zugeschrieben: „Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.“

Zur Person: Dr. Umut Altunöz ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und ab Oktober 2026 stellvertretender Chefarzt am Zentrum für seelische Gesundheit Braunschweig. Seine Sprechstunde in der fachärztlichen Ambulanz ist auf Deutsch und Türkisch möglich. — Passend zum Thema: Häufige Fragen zu ADHS, Autismus und Neurodivergenz.